Impressionenen aus Ofterdingen

Rede zur Einweihung am 17.05.2009 von Andreas Futter

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Gestalt des Heinrich von Ofterdingen ist in unserer abendländischen Kultur fest verwurzelt und führt dort eine sehr lebendige Existenz.
Im Folgenden wollen wir uns dem Heinrich über die historischen Fakten und über die künstlerische Rezeption, die er über die Jahrhunderte hinweg erfahren hat, annähern.

In einer, in lateinischer Sprache verfassten Pergamenturkunde von 1266, aus dem Kloster Alpirsbach, ist ein" H(enricus) Decan(us) de Ofterti(n)g(en) als Zeuge aufgeführt.
Nachweislich war dieser Heinrich von Ofterdingen von 1266 -1284 als Dekan im Gebiet Hechingen tätig. Ob dieser Heinrich allerdings mit dem Minnesänger Heinrich identisch ist lässt sich nicht eindeutig nachweisen.

Ein gewichtiges Dokument findet sich in der berühmten Manessischen Liederhandschrift aus dem 14. Jahrhundert.
Auf über 100 gemalten Bildern so genannten Miniaturen werden die Verfasser der damaligen Dichtkunst in idealisierter Form dargestellt.
Auf einer dieser Miniaturen sind die Teilnehmer des so genannten Sängerkriegs auf der Wartburg abgebildet. Jede der beteiligten Personen ist durch nebenstehende Namensnennung zu identifizieren.
So finden wir auch Heinrich von Ofterdingen in diesem Kreis der berühmtesten Dichter und Sänger der Zeit. Unter den anderen fünf Teilnehmer finden sich so gewichtige Künstler wie Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach.

Eigentümlich ist hierbei dass, sich zu allen Beteiligten mehr oder weniger historische Spuren finden lassen, nur zu Heinrich von Ofterdingen nicht,er bleibt völlig rätselhaft.
Aber sollte gerade er, nur eine erdichtete Gestalt sein?

Und weiter; ist diese Miniatur der Manessischen Handschrift nun also Abbildung von Realität oder Abbildung einer Sage?

Es ist wohl beides. Sagen entstehen ja bekanntlich, indem verschiedene Geister einen wahren Kern kunstvoll ausschmücken und Hinzufügungen vornehmen.Wir befinden uns also im Zwischenbereich von Realität und Dichtung.

Doch nun zu der Geschichte des Sängerwettstreites auf der Wartburg selbst:

Alle beteiligten Sänger stimmen ein Loblied auf den Gastgeber, den Landgrafen Hermann von Thüringen an. Heinrich tut das allerdings nicht, sondern er preist einen anderen; Leopold Herzog von Österreich, in den höchsten Tönen. Dies stellt für alle Anwesenden eine ungeheure Provokation dar; Heinrich wird zum Verlierer des Wettbewerbes erklärt.
Und somit ist er, nach den zuvor festgelegten Regeln, dem Tode geweiht und soll am nächsten Baum aufgehängt werden. Heinrich aber flüchtet unter den Mantel der Landesfürstin, die ihm Schonung gewährt.

Heinrich wird somit zur allegorischen Figur für Zivilcourage, er zeigt sich als Mensch der sich nicht schrecken lässt seine Meinung kundzutun, obgleich er dabei sein Leben aufs Spiel setzt.

Jahrhunderte später haben sich trotz, oder gerade wegen diesem spärlichen Wissen um Heinrich von Ofterdingen die Phantasien vieler Künstler an ihm entbrannt.

Ab1799 schrieb der Dichter Novalis an einem Roman, der unter dem Titel "Heinrich von Ofterdingen" Berühmtheit erlangen sollte. Es ist eine vielschichtige, kunstvoll gewobene Geschichte, in welcher sich Heinrich von Ofterdingen-bemerkenswerterweise als Poet - auf die Suche nach der blauen Blume begibt.
Diese blauen Blume, wurde zum Sinnbild für Sehnsucht und Erkenntnis.

In der Folge greifen die Künstler aber vor allem die Geschichte um Heinrich als Mitstreiter beim Sängerkrieg auf der Wartburg auf.

Beispielsweise nehmen auch die Gebrüder Grimm die Geschichte in ihrer Sammlung der "deutschen Sagen" mit auf.

1819 schreibt der Dichter E.T.A. Hoffmann eine recht gespenstische Erzählung um Heinrich von Ofterdingen, betitelt "der Kampf der Sänger".

1838 verschmelzt Richard Wagner, der große Opernkomponist, in seiner Oper Thannhäuser die Sagengestalt des Thannhäuser und die Gestalt des Heinrich von Ofterdingen zu einer Person und macht Heinrich zur Hauptperson dieser Oper, die von Liebe Sünde und Erlösung handelt.

Mich selbst hat die Tatsache, dass es jemanden gibt, der den Namen des Ortes trägt in dem ich aufgewachsen bin, immer auf eigentümliche Weise berührt und ich versuchte mir aus verschiedenen Büchern das Wissen um Heinrich von Ofterdingen zusammen zu tragen. Nicht zuletzt die Artikel von Albrecht Esche und Gerhard Kittelberger, in den Ofterdinger Ortsbüchern, haben mir zu einem geordneten Hintergrundswissen verholfen.

Aber wie setzt man eine solche Gestalt bildhauerisch um? - zu der es so wenig und doch so viel zu sagen gibt. Eine Gestalt, um die sich so viele Geschichten gebildet haben, die sich zum einen überschneiden, die sich aber zum anderen kaum berühren?

Eine Gestalt also, die sich nicht ganz eindeutig fassen lässt und als irritierend vielgestaltig erweist.

Tatsächlich finden wir an der Bronzeplastik des Heinrich von Ofterdingen wie sie nun vor uns steht, sehr Eindeutiges, aber auch Vielgestaltiges und Irritierendes.

Am unteren Sockelrand finden wir eine Pergamentrolle als klaren Verweis auf das Alpirsbacher Dokument in dem eingangs erwähnter Dekan H(enricus) de Ofterti(n)g(en) auftaucht. Es ist die geringe Spur einer nachweisbaren Person namens Heinrich von Ofterdingen.
Vorne am Sockel finden wir die Blume aus Novalis` Romanfragment. Die blaue Blume das Symbol für Erkenntnis und Sehnsucht, aber auch das Symbol für die Epoche der Romantik.
Am offensichtlichsten ist die Darstellung des Heinrich als mittelalterlicher Sänger, mit Harfe, Schwert und Flöte. Aber ist das wirklich Mittelalter-Tracht, in die da er gekleidet ist?
Mit seltsam kurzen Hosen zu Wams oder Brustpanzer und mit Feder an der mächtigen Kopfbedeckung, die wiederum einer Mischung aus Krone, Trias und Blumentopf gleicht und nach deren Halterung wir besser gar nicht fragen.

Zu alledem sieht die Harfe selbst aus als hätte er sie sich von Troubadix aus Asterix´s gallischem Dorf ausgeliehen.
Dennoch einer anderen Epoche als dem Mittelalter lässt sich dieser Aufzug nicht zuordnen, aber augenscheinlich hat die Phantasie doch historisch Verbürgtes überlagert.
Überhaupt warum trägt der Sänger Harfe und Schwert? Ist das nun wörtlich verstanden der Sängerkrieger der Wartburg? Oder ist hier die Dualität der menschliche Natur gemeint? Befähigt, die Musik, die Lyrik, das Schöne und Musische hervorzubringen, aber auch das Aggressive und Zerstörerische.

Betrachten wir nun die Figur selbst; schlank oder gar schlaksig, jedenfalls langbeinig steht er da.
Hier wird mit den Gegebenheiten der menschlichen Anatomie gespielt: die Beine sind im Verhältnis zu Oberkörper und Kopf zu lang.

In erhöhter Position auf der Säule führt das zu einem spannenden und bedeutungsvollen Phänomen. Befindet sich der Betrachter in einer gewissen Nähe und bewegt sich auf die Säule zu, scheint unser Heinrich von Ofterdingen regelrecht in die Höhe zu schnellen.

Er entzieht sich dem Betrachter, so wie sich uns letzte Erkenntnisse und Eindeutigkeiten zum Heinrich von Ofterdingen entziehen.

Wie wir gehört haben zeigt sich die Gestalt des Heinrich in den Geschichten und Erzählungen als recht vielgestaltig.
Und tatsächlich: Bewegt sich der Betrachter um die die Statue herum, so verändert sich der Charakter der Figur. Je nach Standpunkt, wirkt die Bronzeplastik offene und leicht, aus anderer Position schwer und geschlossen.

Er scheint er zu ruhen , dann wieder zu tänzeln.
Er wirkt würdevoll und erhaben, dann wieder möchte man über ihn lachen.
Wie seine literarischen Vorbilder bleibt er nicht eindeutig,er ist irritierend vielschichtig und vielfältig interpretierbar.
Sie sind eingeladen hier selbst auf Entdeckungsreise zu gehen.

Eine andere Frage stellt sich noch:
Kann man Anfang des 21. Jahrhunderts noch jemanden auf einem Sockel über andere erheben?
Hatte nicht August Rodin 1880 mit seiner lebensgroßen Figurengruppe der sogenannten "Bürger von Calais", den revolutionären Schritt getan und keine priviligierten Menschen wie Könige und Heilige, Wissenschaftler oder Künstler auf dem hohen Sockel darzustellen, -nein- er stellte leidende Alltagsmenschen, ebenerdig, dem Betrachter vor Augen. Man sprach damals von der Demokratisierung der Skulptur das soll heißen alle Menschen sind gleich und stehen auf gleicher Höhe. Diese Errungenschaften halten bis in unsere Tage an. Selbst politisch verdienstvolle Personen wie Willy Brandt oder Theodor Heuss werden zwar überlebensgroß in Bronze dargestellt, aber auf einen hohen Sockel werden sie nicht gehoben, denn unfehlbar waren diese Menschen auch nicht.
2009 einen Heinrich von Ofterdingen auf den Sockel zu heben, bedeutet das Thema Denkmal, aber auch den Heinrich von Ofterdingen, mit einem gewissen Augenzwinkern zu behandeln.

Die Arbeit im Ganzen zeichnet sich aus durch leise, verhaltene Ironie in traditionellem Gewand.

Am Schluss noch einige Worte des Dankes.
Ich bedanke mich für anregenden Austausch und gute Zusammenarbeit bei Albrecht Esche und CHC Geiselhart bei den Mitarbeitern der Gießerei Kollinger in Elchingen, der Firma Wagner in Talheim, Willi Möck und Ruth Blaum bei Herrn Bürgermeister Reichert und den Gemeinderatsmitgliedern und bei allen anderen die in irgendeiner Form zur Realisierung des Heinrichs von Ofterdingen beigetragen haben.

Insbesondere gilt mein Dank allen, die es mit ihrer Spende möglich gemacht haben dieses Projekt zu verwirklichen.

In Zeiten der Globalisierung, in der sich Menschen in Stunden und Informationen in Sekunden um die Welt bewegen, gleichen sich Kulturen und Lebensformen an und ich glaube im Gegenzug ist es wichtig lokale Eigenheiten zu bewahren und zu fördern. Gerade die Kunst und die Skulptur im besonderen ist ein gutes Mittel, Identifikation und Wurzeln zu schaffen.Vielleicht entsteht im Steinlachtal ja ein kleiner Hort der Kunst und wird so zum Ausflugsziel über die Region hinaus.
In diesem Sinne hoffe ich auf regen Austausch und eine Bereicherung für Gemeinde Ofterdingen.