Impressionenen aus Ofterdingen

Einführung zur Enthüllung am 17.05.2009 von Albrecht Esche

Wie ein lebendiges Fragezeichen steht er da oben, zumindest aus der Perspektive vom Eingang der Bücherei aus gesehen, als wolle er uns fragen: "Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?"

"Wer bin ich?" Eine historische Person, die vor rund 800 Jahren gelebt hat? Von der jedoch keine Quelle, keine Gedichtzeile, kein Minnelied zeugt! Oder bin ich eine rein poetische Figur, eine Kopfgeburt von Literaten?

"Und wenn ja, wie viele?" Der unterlegene Held im Sängerkrieg auf Wartburg? Oder der literarisch verewigte von Novalis? Oder der verkappte Tannhäuser von Richard Wagner? Wie dem auch sei, hier steht er da, als könne er nicht anders, als müsste er so sein: Heinrich von Ofterdingen, das neue Kunstwerk.

Leicht und locker erhebt er auf seinem Postament, tänzerisch, fast akrobatisch, als wolle er eine Pirouette drehen. Vor lauter Glück, endlich seinen Ort gefunden zu haben: umgeben von der alten gotischen Dorfkirche, dem ehemaligen Schulhaus mit seiner gastlichen Scheuer und dem Schmuckkästlein der Bücherei. Wo anders hätte es einen besseren Platz für ihn gegeben?

Hoch oben überragt er uns alle, zum Glück fest verankert auf seinem Sockel, auf dieser dicken Säule, rund und weich ihre Formen, dabei auch ein wenig drall und gedrungen, wulstig bis schwülstig - je nach Betrachtung - mich an weibliche Formen erinnernd und kunstgeschichtlich an Vorbilder aus dem Bauernbarock. In jedem Fall ein überzeugender, irdischer Gegensatz zu diesem scheinbar schwerelosen, männlichen Luftikus.

Schauen wir ihn nun näher an:
Sein Kopfputz lässt kaum an eine Krone denken, auch wenn er dreifach gestaffelt aufgebaut ist wie die Tiara, die Papstkrone. Viel eher assoziiere ich da einen Topf - ist’s ein Blumentopf?, - der aber so gefährlich nach vorne kippt, dass er eigentlich schon längst zerdeppert am Boden liegen müsste, vom Künstler also sehr ironisch, ja irreal dem leibhaftigen Fragezeichen als Krönung oben aufgesetzt.

Andreas Futter geht es ja durchgängig um den Dialog zwischen formaler Gestaltung und inhaltlicher Durchdringung und Deutung, also um den Prozess zwischen künstlerischer Inspiration und intellektueller Reflexion. Dabei sind Witz - Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung - immer präsent. Schwäbisch knitz und hintersinnig, zurückhaltend im Auftreten, keiner, der sich selbst inszeniert - das überlässt er seinen Geschöpfen, künstlerisch von höchster gestalterischer Qualität, einer, der weiß, was er will und was er schafft, das ist Andreas Futter von Ofterdingen!

Und das seine Plastik: Stillvergnügt und in sich gekehrt, fast meditativ wirkt der Gesichtsausdruck des Sängers. Ein verinnerlichtes Lächeln wie bei archaischen Statuen oder den gotischen Figuren der schönen Madonnen. Zärtlich hält er sein Instrument, eine Leier mit nur drei Saiten, die wahrlich keine große Melodik ermöglichen. Aber ein Minnesänger intoniert ja immer nur die Minne, die alte Leier!

Ist Ihnen schon aufgefallen, wie Heinrich seine Leier hält? Nämlich in der Rechten, mit der Linken schlägt er die Saiten. Heinrich - ein Linkshänder. Warum wohl? Klar, weil die Platzverhältnisse diese künstlerische Gestaltung und Haltung erfordern; denn der Betrachter, von unten her kommend, soll ja die ganze Figur sehen, die Leier gleich im Blick haben. Zugleich passt das Außergewöhnliche, das Nicht-Gängige zu ihm, ist er doch kein angepasster Sänger gewesen, der nur den Mächtigen nach dem Munde redet und singt. Sondern einer, der gegen den Strom der Lobhudeleien seinen eigenen Ton findet und durchsetzt, auch auf die Gefahr für Leib und Leben.

Sie können nun einwenden: Er hat ja ein Schwert, kann sich verteidigen oder gar angreifen. Aber mit diesem Schwert gewiss nicht, es ist nämlich total stumpf, gleicht also eher dem hölzernen Schwertle eines Ritterspielenden Knaben. Wiederum haben wir also ein ironisch zu verstehendes Beiwerk vor uns, andererseits aber künstlerisch gesehen eine gestalterische Notwendigkeit, um die Horizontale zu betonen, die den vertikalen Traumtänzer im Gleichgewicht hält.

Wenn dieser Heinrich schon kein zückendes Schwert besitzt, dann doch wenigstens eine entzückende kleine Flöte an seiner Seite - wo andere den Dolch tragen. Eine Flöte, weil Musik seine Waffe ist.

Dass er in all dieser Vielgestaltigkeit und Mehrdeutigkeit dann doch auf großem Fuße lebt und steht, mag auch über die krummen, spitteligen Beinchen hinwegsehen lassen, die noch dem Letzten sagen: Ich bin anders, als du denkst!

Ja, wer bist du dann?
Für euch, liebe Ofterdinger, könnte er sagen, für euch bin ich ein Bild eurer selbst.
Ich würde präzisieren: Diese Kunstfigur ist ein Identifikationsobjekt, das dem Ort ein zusätzliches Gesicht und neue Geschichten beschert. Das Ofterdingen noch unverwechselbarer macht, als es schon ist, gibt es doch weltweit keinen anderen Ort mit diesem Namen. Wer den Wert einer Gemeinde nur am Gewerbesteueraufkommen bemisst oder an der Einwohnerzahl, der bleibt an der platten Oberflächlichkeit hängen. Die Identifikation mit einem Gemeinwesen hat ihren Grund immer in der Imagination, in dem Bild, das wir uns machen und das wir haben.

Bürgermeister und Gemeinderat haben nicht nur mit ihrer wichtigen Entscheidung für dieses Kunstwerk entsprechend gehandelt, sondern schon vor Jahren einen richtigen Schritt in diese Richtung getan, indem sie im Baugebiet Banweg eine "Minnesängerstraße" und eine "Gerokstraße" ausgewiesen haben. Das sind Brücken zur Identifikation mit einem Ort, der dann erst zur Heimat werden kann. Ich bin mir sicher, dass Werbefachleute bald den Heinrich als Marketing-Objekt entdecken, auf dass Touristen kommen mögen...

Ich weiß von der Burghof-Schule und ihrem Freundeskreis, dass Ute Hess bereits Kontakte zu Partner-Schulen im Umkreis von Eisenach sucht, weil die dortige Wartburg und unser Ofterdinger eine solche Verbindung nahe legen.

Heinrich zieht also Kreise: Berlin hat seinen Bären, Stuttgart seinen Stuten-Garten, Mössingen hat seine Blumen - und Ofterdingen: jetzt seinen Heinrich!
Ein echter Glücksfall!

Das führt mich zum letzten Punkt: Was bringt, was besingt denn der Minnesänger? Für welche Ideale steht er? Wir haben es schon mehrfach gehört: Minne heißt Liebe - ach, immer die gleiche Leier. Aber auf ihren drei Saiten erklingt der ewige Dreiklang von Glaube - Hoffnung - Liebe, ganz weltlich hier und doch zugleich in Korrespondenz zum Evangelium, das drinnen in der Kirche von der Liebe Gottes und der zu unseren Nächsten singt und spricht.

Damit wird Heinrich zum weltlichen Bruder des heiligen Mauritius. Beide stehen sich hier gegenüber, der sagenhafte Heinrich und der legendäre Mauritius. Denn auch von dem Kirchenpatron wissen wir wenig. Seine Legende ist bekannt, seine Überlieferung trägt aber nur dunkle Spuren einer historischen Person. Er teilt also in gewisser Weise das Schicksal unseres Sängers: Nichts Genaues weiß man nicht - und dennoch käme niemand auf die Idee, der Kirche ihren Namensgeber nehmen zu wollen. Weshalb sollte man dann Ofterdingen seinen Heinrich absprechen?

Wie gesagt, hier begegnen sich der Weltliche und der Heilige, beide vereint im selben Lied, dem Hohelied der Liebe. Nein, es ist eben nicht immer dieselbe Leier, sondern ein ständiger Verweis, was Liebe real heißen kann und heißen soll.

Nicht von ungefähr blickt Heinrich in Richtung Steinlach, genauer gesagt: hinüber zur korrespondierenden Figur unseres Künstlers. Denn zwischen Röseners Salon und dem Bachbett der Steinlach zeigen drei skurrile Männchen beispielhaft, was Liebe heißt, wie sie konkret wird im Leben, nämlich im Schieben und Ziehen, im Heben und Helfen. "Aufstieg" betitelt Andreas Futter seine andere Plastik, die den Ort ziert. Der Minnesänger verweist auf sie, beide gehören zusammen wie Ideal und Wirklichkeit, wie Wort und Tat.

Und zuletzt überlässt Heinrich sinnbildlich die Botschaft seines Gesangs unserer irdischen Ebene, anschaulich und handgreiflich. Da liegt sie auf dem Sockel, die blaue Blume, dieses Sehnsucht-Symbol der Romantik. Dass diese Traum-Blume unmittelbar und auf einer Achse unter Heinrichs Kopfputz liegt, löst das Geheimnis des Blumentopfs: Denn jede Inspiration kommt von oben und lässt Blüten treiben, die zuerst im Kopf wachsen, bis sie dann sichtbar und konkret werden. Das führt zu einer Lebensauffassung, die hinter dem Vordergründigen das Hintergründige aufzeigen will, hinter der Realität das Geheimnis.

Ich könnte als Beispiel sagen: Hinter dem ökonomisch bezifferbaren Äckerle den Reichtum und das Wunder der Mutter Erde, neue und andere Werte also, die den materiellen diametral entgegenstehen. Hat unsere Zeit nicht genau solch einen Wertewandel bitter nötig?

Die blaue Blume hält diese Sehnsucht nach geglücktem Leben und besseren Zeiten wach, nach Menschenrecht und Menschenwürde, nach einer friedlichen Welt: Eben nach gelebter Liebe, nicht nur individuell, sondern auch politisch verstanden.

Solche Bilder und Botschaften kann uns die Kunst vermitteln, sei es in Form dieser bedeutungsvollen und tollen Bronzeplastik von Andreas Futter oder - jetzt gleich im Anschluss - als Gesang von Thomas Felder.

Heinrich sei Dank, diesem idealistischen Sänger, dieser Idealfigur, mehr noch: diesem Idealfall für Ofterdingen!