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Bürgermeister schreibt offenen Brief an die Südwestpresse, Schwäbisches Tagblatt


„Nur nicht recherchieren beim Tagblatt“ – So müsste die Überschrift zum Beitrag „Nur nicht knausern beim Personal“ im Schwäbischen Tagblatt am Di, 25.08.2026 von Julian Ettema eigentlich heißen.  Eindeutig ist, dass „ein schneller Blick in die aktuellen Haushaltspläne auf die Position Personalausgaben“ und „das Checken der aktuellen Einwohnerzahl beim statistischen Landesamt“ eben keine ausreichende Recherche sind.

Zumindest nicht dann, wenn man Journalismus im Sinne des Pressekodex betreiben möchte: Diese Richtlinie wird vom Deutschen Presserat herausgegeben und überwacht. Dort wird direkt in Ziffer 1 großer Wert auf Wahrheit und Sorgfalt gelegt: „Die Achtung vor der Wahrheit (…) und die wahrheitsgetreue Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse“. In Ziffer 2 geht es um die Sorgfalt, das sachliche, unverfälschte und objektive Informieren und Berichten sowie gegen Populismus und Vorurteile.

Genau diese Grundpfeiler der Pressearbeit wurden (wieder einmal) nicht erfüllt. Das Ergebnis ist (erneut) einer der – meiner Meinung nach – unprofessionellsten und schlechtesten Presseberichte des gesamten Jahres: Er hat das populistische Aufwiegeln der Bevölkerung einzelner Gemeinden und das (nicht so) zufällige Bashing auf verschiedene Gemeindeverwaltungen zur Folge. Dies ist ein Zustand, der nicht mehr hinnehmbar ist.

Wo liegt das Problem?
Untersucht wurde die Fragestellung „Welche Gemeinde im Landkreis Tübingen ist nach feinster schwäbischer Manier am sparsamsten beim Personal?“. Grundsätzlich eine spannende Frage, wie ich finde. Allerdings wurden dafür die Personalausgaben aus dem Kommunalhaushalt durch die Einwohneranzahl der Gemeinde geteilt. Das kann man machen, sollte man jedoch nicht.

Denn welche Aussagekraft hat eine solche Formel bzw. Kennzahl? Wenig bis keine. Im Gegenteil: Sie stellt sogar Tatsachen verdreht dar. Warum? Im konkreten Beispiel hätten die Stadt Rottenburg oder die Gemeinde Dußlingen etwa die Hälfte der Personalausgaben pro Einwohner von Ofterdingen. Das ist doch ein Ergebnis, das einen Journalisten stutzig machen und die journalistische Neugier wecken muss – oder nicht? Nunja: Es sei denn es geht gar nicht darum, dies journalistisch aufzuarbeiten, sondern vielmehr darum, populistisch Benzin ins Feuer zu gießen bzw. einen Brand legen, der sich in der gesellschaftlichen Diskussion, die er auslöst, anschließend entfacht. Journalismus: Setzen sechs.

Ein wirklich sehr einfacher zweiter Blick liefert nämlich die Antwort auf diese scheinbare Personalkostenverschwendung: In Ofterdingen sind beispielsweise etwa zwei Drittel des Personals bei den fünf kommunalen Kindergärten eingesetzt, entsprechend hoch ist natürlich ihr Anteil an den Personalkosten. Man könnte sich nun fragen: Warum nur ist dies in Rottenburg oder Dußlingen denn anders? Mit zwei Klicks zeigt sich, dass etwa die Hälfte der Kindertageseinrichtungen in Rottenburg und Dußlingen von freien oder kirchlichen Trägern betrieben werden. Die Personalkosten der dort eingesetzten Kräfte fallen also bei den jeweiligen Trägern und nicht bei der Kommune an. Folglich ist der kommunale Personalhaushalt in diesem Bereich etwa halb so groß wie in Ofterdingen. Fall gelöst.

Findige Journalisten könnten dann darauf stoßen, dass die freien oder kirchlichen Träger die Personal- und Betriebskosten zu einem großen Teil von den Kommunen erstattet bekommen. Das ist zwar richtig – allerdings tauchen diese Transferleistungen nicht bei den Personal- oder Gebäudekosten der Kommune auf, denn es ist ja kein kommunales Personal und kein kommunales Gebäude. Hierbei handelt es sich um Transferaufwendungen, die in der entsprechenden Produktgruppe im Haushaltsplan zu finden sind.

Analog könnte dies für Reinigungspersonal, Hausmeister, Stadtwerke etc. betrachtet werden: Die eine Gemeinde stellt diese Personengruppen selbst an (Personalkosten), die andere Gemeinde kauft sich die Dienstleistung von einem externen Unternehmen ein (Dienstleistungskosten, keine Personalkosten). Die 15 Kommunen im Landkreis sind in ihrer Struktur und Ausgestaltung so einzigartig, dass beurteilende Vergleiche wie ein Tanz auf sehr dünnem Eis sind.

Warum nun dieser Brief?
Jeder Ofterdinger Bürger weiß inzwischen, dass aktuell Zeiten des Sparens angesagt sind. Die Gebühren sind hoch, Freiwilligkeitsleistungen auf dem Prüfstand, Prioritäten werden gesetzt, Unnötiges wird pausiert oder gestrichen, der Bürgermeister trägt in seiner Freizeit Infobroschüren aus, um mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen und ganz nebenbei sehr hohe Portokosten einzusparen. Die Erfahrung zeigt: Die Stimmung ist sehr angespannt, wenn es ums Geld geht.

In genau diese angespannte Zeit kommt nun die sachlich falsche und völlig unzureichend recherchierte Aussage der SWP, dass Ofterdingen beim größten Posten im Haushalt, bei den Personalausgaben, das Geld mit vollen Händen ausgibt und nicht spart – und dass Nachbarkommunen mit der Hälfte auskommen würden.

Dies ist ein Schlag ins Gesicht eines jeden Bürgers und unterstellt der Verwaltung, ihre Arbeit nicht richtig zu machen und nicht wirtschaften zu können. Dies entspricht nicht der Wahrheit! Aber gleichzeitig ist es diese Botschaft, die sich beim Leser und Bürger festsetzt – es sei denn er vertritt bereits die Meinung, dass dem Tagblatt eh nicht zu glauben ist.

Das ist kein Einzelfall:
Mal werden die Bürgermeister den falschen Gemeinden zugeordnet, dann werden Zahlen, Fakten oder Aussagen kreativ interpretiert – um nicht zu sagen: verdreht. Suggestion und Populismus setzen manchmal noch die Kirsche auf die Torte. Wenn wir als Gemeinde Ofterdingen bzw. ich als Bürgermeister bei jeder unvollständigen Information oder bei jeder Falschdarstellung eine Korrektur einreichen würden, müsste ich tatsächlich die Personalkosten für das kommende Haushaltsjahr erhöhen und eine viertel Pressestelle einrichten. Es nimmt inzwischen überhand. Dies habe ich bereits vor eineinhalb Jahren beim Gespräch mit der Redaktionsleitung des Schwäbischen Tagblatts angesprochen. Nach einer kurzen Besserung kommen wir aber leider wieder bei diesem enttäuschenden Standard an.

Folglich frage ich: Ist tatsächlicher Journalismus mit Nachforschungen und redaktionellem Kontrolllesen inzwischen out oder dem Sparzwang zum Opfer gefallen? Ist künstliches Drama durch selektive Informationsweitergabe der (vermeintliche) Retter der Südwestpresse? Wer möchte etwas lesen, bei dem die Hälfte vielleicht gar nicht stimmt? Es scheint als wäre dies der Griff zum letzten Strohhalm. Schade.

Ich bin es Leid, die Zeitung zu korrigieren, falsche Berichterstattung richtigzustellen und dadurch (vermeintlich zurecht) aufgebrachte Bürgerinnen und Bürger zu beruhigen. Ich habe hohe Ansprüche an meine Arbeit – und ich erwarte, dass die SWP auch wieder zu hohen inhaltlichen Ansprüchen zurückkehrt.

Manchmal finden wir ihn noch, den gut recherchierten, sachlichen Artikel – oder den humoristisch angehauchten Meinungsjournalismus, der jedoch auch deutlich als solcher gekennzeichnet werden sollte. Kritische Nachfragen sind wichtig, das Aufzeigen von Missständen essentiell und eine „catchy Headline“ oder ein „provokanter Opener“ sicher kein Fehler. Allerdings sollten im Laufe des Artikels der Fokus und der Hauptumfang auf die inhaltliche Wahrheit und Vollständigkeit der Berichterstattung gelegt werden – sonst haben wir ein tatsächliches Problem. Ich bin gespannt – Cheers!

Simon Wagner

Bürgermeister der Gemeinde Ofterdingen