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Türsturz über der ehemaligen Rathauspforte

Nr. 12 - Vorwort des Herausgebers

Im vorhergehenden "Beitrag zur Dorfgeschichte" Nr. 11 (siehe im Gemeindeboten vom 30. Mai 2009) konnte nachgewiesen werden, dass die alte, 1788 erbaute Wirtschaft "Zum Weißen Ochsen" mit dem heutigen Gasthof "Zum Ochsen" identisch ist. Das gegenüber liegende, stattliche Fachwerkhaus war ehemals die Wirtschaft "Zum Goldenen Ochsen". Dieses Ergebnis ist deshalb überraschend, weil bislang die Überzeugung vorherrschte, dass das letztere Gebäude den Namen "Weißer Ochsen" getragen habe. Diese Benennung hatte sich in der Vergangenheit auch deshalb durchgesetzt, weil sie in mehreren Druckwerken verwendet worden ist, sowohl in Buchveröffentlichungen wie z.B. im Ofterdinger "Festbuch 2000", als auch in Zeitungsaufsätzen.

Die Forschungen zur Geschichte des "Weißen Ochsen", die schließlich zu diesem Ergebnis geführt haben, wurden durch den heutigen Diplomrestaurator Jürgen Felbinger angestoßen. Unter Mitwirkung der Landesdenkmalpflege arbeitete er seit 2007 an einer umfassenden Bestandsuntersuchung und Dokumentation der drei Wirtsstuben, die in dem großen, weißgetünchten Fachwerkhaus an der B 27 erhalten sind. Seine Ergebnisse legte er 2008 in einer Diplomarbeit der FH Köln vor. Da die neuen Erkenntnisse über den "Weißen Ochsen" erst 2009 vorlagen, mußte Felbinger von der damals gültigen Benennung des großen Fachwerkhauses ausgehen.

Die nachfolgende Kurzfassung seiner Diplomarbeit hat Felbinger für den Druck im Gemeindeboten als "Beitrag zur Dorfgeschichte" vorbereitet. In der Zwischenzeit ist von ihm noch eine zweite Kurzfassung veröffentlicht worden (Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege, 38. Jahrgang, 1/2009, Seite 32-36). Auch dieser zweite Beitrag mußte unter der Überschrift "Weißer Ochsen" erscheinen.

Die jetzt fällige Berichtigung ist durch den Austausch der Namen noch recht einfach zu bewerkstelligen. Dagegen zeigt die Veröffentlichung in der "Denkmalpflege", wie peinlich sich die Irrtümer der Vergangenheit auswirken und wie tief die Korrekturen greifen müssen. Hier hat nämlich Sabine Kraume-Probst M.A. (Referat Denkmalpflege beim Regierungspräsidium Tübingen) dem Aufsatz Felbingers eine Einführung vorangestellt (Seite 30-31), in welcher sie u.a. Goethes in der Literatur oft behauptetete Einkehr im "Weißen Ochsen" aufgreift. Auch diese liebgewonnene, aber irrtümliche Vorstellung ist hinfällig. Ein Trost bleibt: Goethe hat trotz allem in Ofterdingen gespeist - sei es im "Löwen", im "Weißen Ochsen" oder in der "Krone"!


Die Wirtsstuben im ehemaligen "Goldenen Ochsen an der Landstraße"

(Jürgen Felbinger)

Das nördlich an der B 27 zwischen den Gasthöfen "Zum Ochsen" und "Zur Krone" gelegene Fachwerkhaus beherbergt im ersten Obergeschoss drei Wirtsstuben, die durch ihre nahezu unveränderte Raumverkleidung eine ausgesprochene Seltenheit darstellen. Im Jahr 2007 fand erstmals ein Treffen mit den Denkmalschutzbehörden vor Ort statt. Gemäß den dabei formulierten Wünschen basiert die Diplomarbeit auf einer umfassenden Bestandsuntersuchung und Dokumentation dieser Stuben. Der historische Bestand (Dielenboden, Wandtäfer, Kassettendecke, Türen und Fenster) wurde eingehend untersucht. Dabei kamen auch naturwissenschaftliche Methoden zum Einsatz, um die originale Oberfläche, partielle Übermalungen und einen auf der mittleren Raumdecke befindlichen, schwarzen Belag zu identifizieren.

Parallel zur Diplomarbeit wurde ein Raumbuch über die drei Stuben angelegt, welches den Bestand lückenlos erfasst und bereits sofort nötige Konservierungsmaßnahmen sowie empfohlene Restaurierungsmaßnahmen formuliert. Zusammen konzentriert sich die gesamte Arbeit auf die Punkte Voruntersuchung und Instandsetzungskonzept und soll eine Grundlage darstellen, auf welcher weitere Planungen, Kostenschätzungen oder gegebenenfalls Leistungsverzeichnisse für etwaige Ausschreibungen aufbauen können. Somit konnten notwendige Voraussetzungen und Grundlagen für die Erhaltung des letzten Ofterdinger Gasthauses mit noch bauzeitlicher Ausstattung geschaffen werden.

Entstehungsgeschichte

Seit 1757 war die neue Chaussee (heutige B 27) durch Ofterdingen fertiggestellt. An ihr wurde als eine der ersten die Wirtschaft "Zum Goldenen Ochsen", die bis dato stattlichste Gastwirtschaft, erbaut. Nahezu gleichzeitig entstand der "Löwen", und in den Folgejahren kam die "Krone" hinzu. Im Jahre 1788 wurde schließlich durch den Wirt des "Goldenen Ochsen", Kaspar Luz, der "Weiße Ochsen" errichtet. Der "Goldene Ochsen" ist danach eingegangen.

Das Gebäudekataster von 1823 verzeichnet an der "Landstraße" - wie auch heute noch - lediglich die drei Wirtschaften zum Löwen, zum Ochsen und zur Krone. Das ist schwer nachvollziehbar, da der "Goldene Ochsen" sogar, wie erwähnt, über einen Tanzsaal und getäferte Räume verfügte. Ferner hatte er als Schildwirtschaft - wie allerdinge auch die anderen Wirtschaften - das Recht zur Beherbergung von Gästen.

Anhand von Archivalien konnte festgestellt werden, daß 1823 das Haus der Zoller Johann Martin Sulz besaß. Um 1830/40 scheint das Haus geteilt gewesen zu sein zwischen dem Metzger Johann Jakob Hausch und dem Kaminfeger Andreas Hayes, bzw. ab 1844 dem Sohn des Rösslewirts Gallus Steinhilber. Eine Entdeckung auf zwei Täferelementen könnte die Existenz des Kaminfegers bestätigen: das eingestanzte Kaminfegersymbol, eingerahmt von den Initialen A und H. Um 1855 war Johann Jakob Hausch der alleinige Eigentümer, nach dessen Tod um 1865 seine Witwe Anna.

Um 1900 kaufte Wilhelm Hausch, der Großvater der jetzigen Besitzer, das Haus. Er hatte einen Sohn, der im ersten Weltkrieg gefallen ist (von ihm hängt noch ein Soldatenbild in einer Stube) und drei Töchter. Die Zweitälteste und ihr Ehemann Willi Göhner waren über viele Jahrzehnte die Hauptnutzer des Hauses. Der Stall wurde bis zum Tode Willis im Jahre 2002 bewirtschaftet. Die Stuben selbst waren noch Mitte der 1960er Jahre bewohnt und dienten unter anderem auch als Werkstatt zur Weidenkorbflechterei. Heute steht das Haus weitgehend leer. Nur die Wohnung im Erdgeschoss ist zeitweilig vermietet.

Der Fachwerkbau

Das 1759/60 erbaute Fachwerkhaus mit einer Grundfläche von ca. 13 x 20 m hat einen integrierten Stall und ist mit einem Gewölbekeller im Süden teilunterkellert. Es handelt sich um einen so genannten Stockwerksbau mit zwei Vollgeschossen und einem dreigeschossigen Dachstuhl mit Krüppelwalmdach. Der Dachstuhl besteht neben den beiden von außen sichtbaren giebelseitigen Gebinden aus drei weiteren, innen liegenden Gebinden. Diese sind als Kehlbalken- bzw. Sparrendachstuhl, das heißt mit liegenden Stuhlsäulen, Kehlbalken sowie Spannriegeln und ohne Firstpfette konstruiert.

Bauliche Veränderungen

Obwohl das Erd- sowie das erste Obergeschoss des nördlichen, von der Straße abgewandten Drittels des Hauses eine neuzeitliche Untermauerung bzw. eine einfachere Fachwerkgliederung aufweisen, ist der darüber liegende Dachstuhl noch komplett überliefert. Im Zuge der Umnutzung als Landwirtschaftsbetrieb wurden Mitte der 1950er Jahre die beiden ursprünglichen kleinen Ställe im hinteren Teil des Erdgeschosses zu einem größeren Stall umgebaut. Diesem Umbau fielen auch ein darüber liegender Tanzsaal sowie zwei weitere Zimmer zum Opfer - sie sind heute nur noch aus mündlicher Überlieferung bekannt. Hiernach waren auch diese Räume ähnlich wie die erhaltenen Stuben getäfert. Auch das erste Dachgeschoss zeigt Spuren einer ursprünglich anderen Aufteilung in sechs Räume. Innerhalb des vorletzten Gebindes sind noch Spuren zweier ehemaliger Trennwände erkennbar. Hier dürften sich die Kammern mit Gastbetten befunden haben.

Die Bodenbeläge und Wandanstriche bzw. Tapeten sowie Türen, Fenster und die Treppe des Erdgeschosses stammen aus der gleichen Umbauphase um 1955. In diesem Stockwerk sind kaum noch historische Substanzen verblieben.

In den Stuben selbst ist als auffälligste und wohl älteste Veränderung eine Trennwand samt Tür zwischen dem mittleren und dem südlichen Raum zu nennen. Sie zeichnet sich durch eine Rahmen-Füllung-Konstruktion und Horizontalgliederung aus.

Die Stuben

Für die Region typisch ist, dass sich die Wirtsstuben samt daneben liegender Küche im ersten Obergeschoss befinden. Alle drei Stuben weisen einen vollständig erhaltenen, vollflächigen Nadelholztäfer auf. Er ist in unregelmäßigen Abständen in Längsrichtung durch filigran profilierte Leisten in einzelne, hochrechteckige Felder gegliedert. Im oberen Bereich wird die Vertäfelung an den meisten Wänden von einem waagerechten Gesimsbrett geziert. Durch den mittleren Hauptraum verläuft ein von hölzernen Säulen getragener Unterzug. Zwischen dem mittleren und dem nördlichen Raum befindet sich eine Durchreiche, die mittels eines nach oben zu klappenden Türblattes geöffnet werden kann.

Die Kassettendecken der drei Stuben sind durch filigrane Profile in rechteckige Felder gegliedert, wobei sich etwa in der Mitte eines jeden Raumes ein achteckiges reich profiliertes Feld mit einem aufgemalten Tiermotiv befindet. Hier werden im nördlichen und südlichen Raum je ein Ochse und im mittleren Raum ein Reh oder Lamm abgebildet. Die gesamte Holzverkleidung erscheint in einem warmen Kastanienbraun. Lediglich die Decke der mittleren Stube ist glänzend schwarz überzogen.

Die Fußböden der drei Räume sind mit geglätteten, aber unbehandelt aussehenden Holzdielen belegt. An der Wand des mittleren Raumes, an der Stelle des ausgebauten Ofens, liegen unter einer großflächig abgeplatzten Putzschicht Tonkacheln mit stilisierten floralen und geometrischen Schmuckmotiven.

Baulicher Zustand der Wirtsstuben

Im Gebäudeinneren, vor allem im Erdgeschoß, sind einige Lehmwickel (Wellerhölzer) der Decken und der Deckenputz beschädigt; mehrere Bereiche zwischen den Balkenlagen sind nicht passierbar. Aufgrund von Wassereintrag durch das (inzwischen teilweise neu eingedeckte) Dach gibt es einige Schäden und Setzungen im Bereich der ehemaligen Küche. Sämtliche Türen und Fenster sind reparaturbedürftig. Die dringendste Maßnahme ist jedoch eine Beurteilung des Gebäudes unter statischen Gesichtspunkten.

Die seit Jahrzehnten gelagerte Spreu im Dachgeschoss, unmittelbar über den Stuben, gelangt zunehmend durch sämtliche Ritzen und Fugen, so dass zahlreiche Kassettenelemente der Decke stark nach unten gedrückt werden. Ferner bildet die Spreu einen idealen Nährboden für mikrobielle Schadensorganismen und ein perfektes Refugium für Mäuse. Durch Feuchteeinwirkung sind die Kassettendecken der beiden äußeren Räume stellenweise verfärbt und von Pilzen befallen. Großflächige Bereiche der Raumschale, vor allem der Decken, weisen Ausfluglöcher von holzzerstörenden Insekten, sehr wahrscheinlich vom Gewöhnlichen Nagekäfer auf.

Der Wandtäfer ist in allen drei Räumen in einem allgemein guten Zustand. Es fehlen lediglich einige geschweifte Zierelemente, und eine Tafel ist verworfen. Einige der aufgenagelten, profilierten Abdeckleisten sind zum Teil gelöst, verloren oder in deutlich einfacherer Version ergänzt. Zahlreiche Ritzen und Fugen der Deckenverkleidung sind mit Zeitungspapier aus den 1940er Jahren abgedichtet.

Zustand der Oberflächen

Bis auf die Schadensbereiche der Decken durch Feuchteeintrag erscheint die Oberfläche nach wie vor in ihrem tiefen, warmen Farbton. Die oktogonen Flächen sowie das diese umrahmende, karniesförmige Profil der beiden äußeren Raumdecken sind von einer matten, schwarz-bläulichen Substanz überzogen. Lediglich die schmalen Profile im Übergang sind rot. Ein erkennbarer Pinselduktus sowie Bereiche, an denen diese Substanz über die roten Profile reicht, lassen auf eine Überarbeitung schließen. Dennoch sind die Konturen der Ochsen noch leicht erkennbar. Einige, rote, flammenartige Stellen unterhalb des Anstrichs schimmern leicht durch.

Um weitere Informationen über die ursprüngliche Farbigkeit der achteckigen Deckenfelder zu erlangen, wurden Querschliffe von hier entnommenen Proben angefertigt. In erster Linie galt es, die ursprünglich holzsichtige Oberfläche sowie den schwarzen Belag an der mittleren Raumdecke zu identifizieren. Zusätzliche Querschliffe an den beiden übermalten Oktogonen erlaubten einen Einblick in eine darunter liegende weiße Schicht innerhalb des Ochsenumrisses. Eine weitere Probe neben der Tierkontur ließ eine hellblaue Fassung erkennen.

Der mittlere Raum zeigt auf der kompletten Decke und zuweilen auf den Unterseiten der Gesimsbretter einen schwarzen, sehr dicken, glänzenden Belag. Dieser liegt unregelmäßig auf, wirkt pustelig und ist sehr hart bzw. spröde. Trotz seiner hohen Deckkraft ist das Tiermotiv aufgrund unterschiedlicher Glanz- und Lichtbrechungsgrade auch hier noch zu erkennen. Interessant ist, dass das Tier jedoch nicht den beiden anderen Darstellungen bzw. einem Ochsen gleicht, sondern aufgrund zierlicher Konturen eher einem Reh oder Lamm. Der schwarze Belag ließ sich dank Infrarotspektroskopie eindeutig als ein später aufgetragener harzhaltiger Anstrich identifizieren. Somit konnte ausgeschlossen werden, dass es sich um Verbrennungsprozesse aus dem ehemaligen Ofen oder der angrenzenden Küche handelte.

Ausblick

Bei nahezu jedem Denkmal stellt sich die Frage, welcher Zustand im Rahmen der Restaurierung angestrebt werden soll und darf. Nicht selten wird ein Kompromiss gefunden, der die Aussagekraft und Geschichte des Denkmals (und somit auch den gewachsenen Zustand) dokumentiert und gleichzeitig ästhetische Bedürfnisse berücksichtigt. Solange sich kein Käufer und damit auch kein künftiges Nutzungskonzept für das Anwesen gefunden hat, bleiben bei den drei Wirtsstuben noch viele grundlegende, das Restaurierungskonzept beeinflussende Fragen offen.

Bei einer Nutzung als privater Wohnraum beispielsweise wären die Stuben deutlich geringer frequentiert als bei einer Nutzung als Ausstellungsfläche oder gar erneut als Wirtschaft. In jedem Fall wäre eine individuelle Gestaltung erwünscht und der Bestand unterschiedlichen Beanspruchungen ausgesetzt. Angenommen, es würde in die Stuben eine Ausstellungsfläche zur Dorfgeschichte integriert, so könnte der Raum gerade durch das jetzige Erscheinungsbild einen wertvollen Dokumentationswert liefern.

Dass das Haus (in erster Linie wegen der drei integrierten Wirtsstuben und der angrenzenden ehemaligen Küche) unter Denkmalschutz steht, darf bei allen Planungen nicht als Hindernis missverstanden werden, sondern unterstreicht vielmehr die Einmaligkeit des vorliegenden Bestandes. Gerade die Tatsache, dass der hintere Gebäudeteil vor einem halben Jahrhundert so umfangreich verändert wurde, lässt durchaus enormen Spielraum offen.